Das Wort zum Sonntag – 30. Sonntag im Jahreskreis

Liebe Pfarrgemeinde!

Worin unterscheiden wir Christen uns von unserer Umgebung? Die Antwort darauf gibt uns das heutige Evangelium. Kurz und bündig: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten “.

Klingt plausibel und gar nicht einmal so schwierig. Doch wie sieht’s in der Praxis aus? In unserem Miteinander in der Kirche, in der Gemeinde, in der Familie?

Der Alltag ist so etwas wie die Probe auf’s Exempel. Diese beiden Gebote stehen deutlich im Gegensatz zu einer Haltung des "Wie du mir, so ich dir". Mit diesem gegenseitigen Aufrechnen hat Jesus abgerechnet. Sein Tun und Handeln zeugt von Liebe, nicht von kleinkariertem Denken. Egoismus und Eigennutz – das geht für Jesus gar nicht. Er setzt auf Solidarität und Empathie.

Und wie sieht das heute aus? In Staat, Gesellschaft und auch Kirche? Mitunter drängt sich der Eindruck auf, dass jeder sich eher selbst der Nächste ist.

Wie ist aber nun das neue Gebot Jesu zu verstehen? Bedeutet es etwa das "Lieb' & Grießschmarren-Prinzip", wonach wir uns alle ganz lieb haben und auf keinen Fall weh tun? Ich denke, Jesus meint viel eher eine neue Qualität im Verhältnis zu Gott und untereinander, die sich gerade auch in der Auseinandersetzung zeigt.

Konflikte sollen nicht wegspiritualisiert werden. Auch Gott darf ich mit meinen Problemen, Zweifeln und Unsicherheiten kommen. Er hält das aus. Und auch zwischen Christenmenschen kann und darf es unterschiedliche Meinungen und auch Streit geben. Das ist nicht das Problem. Problematisch wird es erst dann, wenn wir in der Meinungsverschiedenheit keine Mittel mehr scheuen, um unsere Vorstellung durchzusetzen. Strategische Überlegungen allein reichen nicht aus, um erfolgreich im Sinne Jesu und seiner Botschaft zu sein. Uneigennützigkeit, Aufrichtigkeit, Lauterkeit kommen im heutigen modernen Wortschatz zwar kaum noch vor. Aber mit diesen Worten lässt sich einigermaßen treffend ausdrücken, was Jesus im Sinn hat, wenn er von Gottes- und Nächstenliebe spricht. Wo uns das im alltäglichen Leben gelingt, wird tatsächlich erkennbar, erfahrbar, wes Geistes Kinder wir sind.

Ihr Pfarrer